Sunday, January 08, 2006

Tröste dich, die Stunden eilen,
Und was all dich drücken mag,
Auch die schlimmste kann nicht weilen,
Und es kommt ein andrer Tag.

In dem ew'gen Kommen, Schwinden,
Wie der Schmerz liegt auch das Glück,
Und auch heitre Bilder finden
Ihren Weg zu dir zurück.

Harre, hoffe. Nicht vergebens
zählest du der Stunden Schlag:
Wechsel ist das Los des Lebens,
Und - es kommt ein andrer Tag.

Theodor Fontane

Für S.J. zum Jahresanfang

Hoffnung
ist nicht die Überzeugung,
dass etwas gut ausgeht,
sondern die Gewissheit,
dass etwas Sinn hat,
egal wie es ausgeht.

Vaclav Havel

Saturday, January 07, 2006

Zwischenzeilen

Ich möchte weder in Altem herumwühlen
noch Neues heraufbeschwören
Ich möchte dich auf meinem neuen Weg wiedersehen
dich wieder neu sehen, dich sehen
wie schön du bist
Ich möchte neu erfahren, wer du für mich bist
auf meinem weiten Feld, das ich nun betreten werde
das frei ist von Barrikaden und Tretminen
frei sein, für mich sein, allein sein und lieben

was ich begehre

Ich möchte mich dir vertraut machen und dich mir
Ich möchte dich hören, dir zuhören und sprechen
zu dir, mit dir, in deiner Gegenwart sein
in meiner Gegenwart nicht gegenwärtig machen
was vergangen ist
die Gegenwart genießen
ohne an die Zukunft zu denken
Im Hier und Jetzt leben, da sein
für mich und für dich
Daß du da bist, für dich und für mich, wenn du willst

was ich mir wünsche

Ohne zu verlangen, mein Verlangen nach dir
ausleben zu dürfen und dich zu finden

wenn ich mich sehne

[Connor Fairuza Angilotti]

Aus dem Buch 'Unsagbares'

Zum 30 igsten Hochzeitstag am 8.1.06

Thursday, January 05, 2006

Die Reise

Ich träume noch von fernen Gärten,
den Sterne-denken kann ich nicht,
und selbst ein Stern (der allerletzte)
weiß noch nichts vom großen Licht.

Die Fahrt geht weiter immer weiter,
wohin wir reisen weiß ich nicht,-
ich schweige scheu, hier hilft kein Fragen,
doch fühle ich, es geht ans Licht.

Paula Weißhengst

Wednesday, January 04, 2006

Ach, was sind wir dumme Leute -
Wir genießen nie das Heute.
Unser ganzes Menschenleben
Ist ein Hasten, ist ein Streben,
Ist ein Bangen, ist ein Sorgen -
Heute denkt man schon an morgen,
Morgen an die spät´re Zeit -
Und kein Mensch genießt das Heut´-.
Auf des Lebens Stufenleiter
Eilt man weiter, immer weiter.

Nutz den Frühling deines Lebens,
Leb im Sommer nicht vergebens
Denn gar bald stehest du im Herbste
Bis der Winter naht, dann sterbste.
Und die Welt geht trotzdem heiter
Immer weiter, immer weiter...

Otto Reutter

Schöne Brücke, hast mich oft getragen,

Wenn mein Herz erwartungsvoll geschlagen

Und mit dir den Strom ich überschritt.

Und mich dünkte deine stolzen Bogen

Sind in kühnem Schwunge mitgezogen

Und sie fühlten meine Freude mit.

Weh der Täuschung, da ich jetzo sehe,

Wenn ich schweren Leids hinübergehe,

Daß der Last kein Joch sich fühlend biegt.

Soll ich einsam in die Berge gehen

Und nach einem schwachen Stege spühen,

Der sich meinem Kummer zitternd fügt.

Aber sie mit andren Weh und Leiden

Und im Herzen andre Seligkeiten

Trage leicht die blühende Gestalt.

Schöne Brücke, magst du ewig stehen,

Ewig aber wird es nie geschehen,

Daß ein bessres Weib hinüberwallt.

Heidelberg Gedichte

Eichendorff

denkt an seine verflossene Liebste auf der anderen Brückenseite:

Mit der Uhr in der Hand

Wir leben in 'ner eiligen, hastigen Zeit

mit der Uhr in der Hand, mit der Uhr in der Hand,

der eine, der schiebt heut den andern beiseite

mit der Uhr in der Hand, mit der Uhr in der Hand.

Wir drängen alle vorwärts, ob Hinz oder Kunz,

sind stets außer uns, und wir kommen nie zu uns,

denn wir werden mit uns ja nur flüchtig bekannt

mit der Uhr in der Hand, mit der Uhr in der Hand.

Der Tag beginnt schon in eiligem Lauf

mit der Uhr in der Hand, mit der Uhr in der Hand,

der Wecker, der weckt uns, wir stehen schon auf

mit der Uhr in der Hand, mit der Uhr in der Hand.

Schnell ziehen wir uns an, und wir schlingen unseren Schmaus,

der ist noch nicht runter, da treten wir aus

und sitzen selbst dort an der hinteren Wand

mit der Uhr in der Hand, mit der Uhr in der Hand.

Wir turnen, wir trainieren, zum Masseur gehen wir hin

mit der Uhr in der Hand, mit der Uhr in der Hand,

mal sind wir zu dick, mal sind wir zu dann

mit der Uhr in der Hand, mit der Uhr in der Hand.

Wir gehn nie, sind auf dem laufenden stets,

wenn wir mal wen treffen, dann fragen wir: Wie gehts?

Und eh der es uns sagt, sind wir weitergerannt

mit der Uhr in der Hand, mit der Uhr in der Hand.

Wir fahren in die Ferien und sitzen am Strand,

mit der Uhr in der Hand, mit der Uhr in der Hand,

erwarten die Post, den geschäftlichen Stand

mit der Uhr in der Hand, mit der Uhr in der Hand.

Ein Buch mal zu lesen, das wär ein Genuß -

wir lesen den Anfang und schauen nach dem Schluß,

durchblättern den Goethe, durchfliegen den Kant

mit der Uhr in der Hand, mit der Uhr in der Hand.

Wir machen ne Reise im Automobil

mit der Uhr in der Hand, mit der Uhr in der Hand,

wir reisen nicht mehr, wir rasen zum Ziel,

mit der Uhr in der Hand, mit der Uhr in der Hand.

Fragt man uns: Die Gegend, die war wohl sehr schön

Dann sagen wir ja und wir haben nichts gesehen,

denn wir fuhren bloß vorbei ohne Sinn und Verstand

mit der Uhr in der Hand, mit der Uhr in der Hand.

Die Liebe, die Ehe betreiben wir als Sport

mit der Uhr in der Hand, mit der Uhr in der Hand,

wir finden uns, verbinden uns und - pflanzen uns fort

mit der Uhr in der Hand, mit der Uhr in der Hand.

Will sie ihn mal küssen, dann stellt er sich froh -

und denkt sich: Nun mach schon, ich muß ins Büro -

Und er drückt sie ans Herz und küßt sie galant

mit der Uhr in der Hand, mit der Uhr in der Hand.

So eilen wir durchs leben ohne Freud und Pläsier,

mit der Uhr in der Hand, mit der Uhr in der Hand,

da, plötzlich steht einer, ist mächtiger als wir,

mit der Uhr in der Hand, mit der Uhr in der Hand.

Der sagt: Du brauchst nicht auf die Uhr mehr zu sehn,

denn meine geht weiter und deine bleibt stehen

und er winkt uns hinüber ins andere Land

mit der Uhr in der Hand, mit der Uhr in der Hand.

Otto Reutter 1928

In 50 Jahren ist alles vorbei!

Denk stets, wenn etwas dir nicht gefällt,

Es währt nichts ewig auf dieser Welt,

Der kleinste Ärger, die größte Qual,

Sind nicht von Dauer, sie enden mal,

Drum sei dein Trost, was immer es sei:

In 50 Jahren ist alles vorbei!

Und ist alles teuer, dann murre nicht,

Und holt man die Steuer, dann knurre nicht,

Und nimmt man dir alles, dann klage nicht,

Und kriegst du den Dalles(*), verzage nicht,

Denn der, der nichts hat, ist glücklich und frei,

Und in 50 Jahren ist alles vorbei!

Und geht zu 'nem Andern dein Mägdelein,

Dann schick ihr noch Reisegeld hinterdrein,

Und bist du traurig, denk in der Pein,

Wie traurig wird bald der andere sein,

Dem macht s'es wie dir, die bleibt nicht treu,

Und in 50 Jahren ist alles vorbei!

Und führst du nen Prozess - ertrag die Qual.

Und hörst du ne Oper - sie endet mal,

Und hast du Magenweh und musst mal raus,

und da sitzt schon jemand, dann harre aus: wie lang du auch wartest der Platz wird frei! Und...

Und liest du 'ne Zeitung, dann schau nicht hin,

Es steht ja doch bloß was Schlechtes drin.

Und schafft dir die Politik Verdruß,

Es kommt ja doch alles wie's kommen muß,

Heut haben wie die, morgen jene Partei

Und in 50 Jahren ist alles vorbei!

Und stehst Du nervös an 'nem Telefon

Und du stehst und verstehst da nicht einen Ton,

Oder gehst du zum Zahnarzt, wenn er dich greift

Und dich mit dem Zahn durch das Zimmer schleift;

Er zieht und er zieht und bricht alles entzwei,

Ach, in 50 Jahren ist alles vorbei!

Und platzt dir ein Knopf, am Hemd zumeist,

Und hast Du ein Schuhband das stets zerreißt,

Und hast du 'ne Zigarre, die gar nicht zieht,

Und hast du ein Streichholz das gar nicht glüht,

Nimm noch eine Schachtel, nimm zwei oder drei,

In 50 Jahren ist alles vorbei!

Und fälscht man dir Schokolade und Tee,

Und verspricht man dir echten Bohnenkaffee,

Und du merkst, daß der Kaffee - wie schauderbar -

Eine bohnenlose Gemeinheit war,

Dann schließ die Augen und sauf den Brei,

In 50 Jahren ist alles vorbei!

Und sitzt du in der Bahn ganz eingezwängt,

Und dir wird noch 'ne Frau auf den Schoß gedrängt,

Und die hat noch 'ne Schachtel auf ihrem Schoß,

Und du wirst die beiden Schachteln nicht los,

Und die Füße werden dir schwer wie Blei,

In 50 Jahren ist alles vorbei!

Und bist Du ein Ehemann und kommst nach Haus',

halb drei in der Nacht und sie schimpft dich aus,

Dann schmeiß dich ins Bette und sag "Verzeih,

Wär' ich zuhause gebleiben, wär's auch halb drei."

Und kehr den Rücken und denk "Nu schrei."

Ach, in 50 Jahren ist alles vorbei!

Und fürchte Dich nicht, ist der Tod auch nah,

Je mehr du ihn fürchtest, um so eher ist er da.

Vor'm Tode sich fürchten hat keinen Zweck,

Man erlebt ihn ja nicht, wenn er kommt, ist man weg!

Und schließlich kommen wir all' an die Reih'

Und in 50 Jahren ist alles vorbei!

Drum hast du noch Wein, dann trink ihn aus,

Und hast Du ein Mädel, dann bring's nach Haus,

Und freu Dich hier unten beim ersten Licht,

Wie's unten ist, weißt du, wie oben, nicht!

Nur einmal blüht im Jahre der Mai,

Und in 50 Jahren ist alles vorbei!

Du Rindvieh! Dann ist es vorbei!

Otto Reutter 1870 - 1931

Herbstlied

Seufzer gleiten

Die saiten

Des herbsts entlang

Treffen mein herz

Mit einem schmerz

Dumpf und bang.

Beim glockenschlag

Denk ich zag

und voll peinen

An die zeit

Die nun schon weit

Und muss weinen.

Im bösen winde

Geh ich und finde

Keine statt...

Treibe fort

Bald da bald dort -

Ein welkes blatt.

Paul Verlaine 1844-1896

Übertragung: Stefan George
Feiertage

Mutter ist nervös

Vater ist nervös

Kind ist nervös

Oma ist nervös

Oma ist gekommen

um Mutter zu helfen

Vater hat gesagt

sei nicht nötig gewesen

Kind steht im Weg

Mutter steht im Weg

Oma steht im Weg

Vater steht im Weg

Alle ham geschafft

mit allerletzter Kraft

Vater hat gebadet

Mutter hat gebadet

Kind hat gebadet

Oma hat gebadet

Alle ham gepackt

Und alle sind gerannt

Und schließlich hat

Der Baum gebrannt

Mutter ist gerührt

Vater ist gerührt

Kind ist gerührt

Oma ist gerührt

Und dann werden

Die Pakete aufgeschnürt

Mutter ist gekränkt

Vater ist gekränkt

Kind ist gekränkt

Oma ist gekränkt

Denn jeder hat dem anderen

Was Falsches geschenkt

Schwiegertochter kommt

Patentante kommt

Lieblingsbruder kommt

Großneffe kommt

Kuchen ist zu süß

Plätzchen sind zu süß

Marzipan ist zu süß

Und der Baum ist mies

Mutter ist beleidigt

Vater ist beleidigt

Kind ist beleidigt

Oma ist beleidigt

Friede auf Erden

Und den Menschen ein Unbehagen

Vater hats am Magen

Mutter hats am Magen

Kind hats am Magen

Oma hats am Magen

Kann nichts mehr vertragen

Nach all diesen Tagen

Mutter ist allein

Vater ist allein

Kind ist allein

Oma ist allein

Alle sind allein

Doch an Ostern

Wollen alle

In jedem Falle

Wieder zusammensein.

Hans-Dieter Hüsch

Es lohnt sich doch

Es lohnt sich doch, ein wenig lieb zu sein

Und alles auf das Einfachste zu schrauben.

Und es ist gar nicht Großmut zu verzeihn,

Daß andre ganz anders als wir glauben.

Und stimmte es, daß Leidenschaft Natur

Bedeutete im guten wie im bösen,

Ist doch ein Knoten in dem Schuhband nur

Mit Ruhe und mit Liebe aufzulösen.

Ringelnatz

Das Heidelberger Schloß

den 28. Juli 1815 abends 7 Uhr

Euch grüß ich weite, lichtumfloßne Räume,

Dich alten reichbekränzten Fürstenbau,

Euch grüß ich hohe, dichtumlaubte Bäume,

Und über euch des Himmels tiefes Blau.

Wo hin den Blick das Auge forschend wendet

In diesem blütenreichen Friedensraum,

Wird mir ein leiser Liebesgruß gesendet

Aus meines Lebens freudevollstem Traum.

An der Terrasse hohem Berggeländer

War eine Zeit sein Kommen und sein Gehn,

Die Zeichen, treuer Neigung Unterpfänder,

Sie sucht ich, und ich kann sie nicht erspähn.

Dort jenes Baumsblatt, das aus fernem Osten

Dem westöstlichen Garten anvertraut,

Gibt mir geheimnisvollen Sinn zu kosten

Woran sich fromm die Liebende erbaut.

Durch jene Halle trat der hohe Norden

Bedrohlich unserm friedlichen Geschick;

Die rauhe Nähe kriegerischer Horden

Betrog uns um den flüchtgen Augenblick.

Dem kühlen Brunnen, wo die klare Quelle

Um grünbekränzte Marmorstufen rauscht,

Entquillt nicht leiser, rascher, Well auf Welle,

Als Blick um Blick, und Wort um Wort sich tauscht.

0! schließt euch nun ihr müden Augenlider.

Im Dämmerlichte jener schönen Zeit

Umtönen mich des Freundes hohe Lieder,

Zur Gegenwart wird die Vergangenheit.

Aus Sonnenstrahlen webt ihr Abendlüfte

Ein goldnes Netz um diesen Zauberort,

Berauscht mich, nehmt mich hin ihr Blumendüfte,

Gebannt durch eure Macht kann ich nicht fort.

Schließt euch um mich ihr unsichtbaren Schranken

Im Zauberkreis der magisch mich umgibt,

Versenkt euch willig Sinne und Gedanken,

Hier war ich glücklich, hebend und geliebt.

Marianne von Willemer, geb. Jung