Wednesday, November 30, 2005

Der Dezember

Das Jahr ward alt. Hat dünne Haar.
Ist gar nicht sehr gesund.
Kennt seinen letzten Tag, das Jahr.
Kennt gar die letzte Stund.
Ist viel geschehn. Ward viel versäumt.

Ruht beides unterm Schnee.
Weiß liegt die Welt, wie hingeträumt.
Und Wehmut tut halt weh.
Noch wächst der Mond. Noch schmilzt er hin.

Nichts bleibt. Und nichts vergeht.
Ist alles Wahn. Hat alles Sinn.
Nützt nichts, daß man's versteht.
Und wieder stapft der Nikolaus

durch jeden Kindertraum.
Und wieder blüht in jedem Haus
der goldengrüne Baum.
Warst auch ein Kind. Hast selbst gefühlt,

wie hold Christbäume blühn.
Hast nun den Weihnachtsmann gespielt
und glaubst nicht mehr an ihn.
Bald trifft das Jahr der zwölfte Schlag.

Dann dröhnt das Erz und spricht:
'Das Jahr kennt seinen letzten Tag,
und du kennst deinen nicht.

Erich Kästner

Tuesday, November 29, 2005

Ich suche allerlanden eine Stadt,
Die einen Engel vor der Pforte hat.
Ich trage seinen großen Flügel
Gebrochen schwer am Schulterblatt
Und in der Stirne seinen Stern als Siegel.

Und wandle immer in die Nacht ...
Ich habe Liebe in die Welt gebracht -
Daß blau zu blühen jedes Herz vermag,
Und hab ein Leben müde mich gewacht,
In Gott gehüllt den dunklen Atemschlag.

O Gott, schließ um mich deinen Mantel fest;
Ich weiß, ich bin im Kugelglas der Rest,
Und wenn der letzte Mensch die Welt vergießt,
Du mich nicht wieder aus der Allmacht lässt
Und sich ein neuer Erdball um mich schließt.

Else Lasker-Schüler
(1869-1945)

Wenn ich auf mein bisheriges Leben zurückblicke,
so kann ich feststellen, dass jede Phase der Dunkelheit,
jede finstere Nacht, abgelöst wurde durch die ersten
Strahlen der Morgensonne und einen neuen Tag.
Keine Trauer drückte mich endlos nieder,
und keine Verzweiflung konnte mir die Kraft zu Leben
und zum Atmen nehmen.
Ich bin dankbar, dass das Leben immer wieder Möglichkeiten zum
Wachsen und zur Veränderung gibt,
zur Heilung und zu einem Neuanfang.

unbekannt

Sunday, November 27, 2005

Im Augenblick der Liebe ist der Mensch nicht nur für sich, sondern auch für den anderen verantwortlich.

Franz Kafka

Saturday, November 26, 2005

"Wäre es möglich, weiter zu sehen, als unser Wissen reicht, vielleicht würden wir dann unsere Traurigkeiten mit grösserem Vertrauen ertragen, als unsere Freuden.
Denn sie sind die Augenblicke, da etwas Neues in uns eingetreten ist, etwas Unbekanntes.
Unsere Gefühle verstummen in scheuer Befangenheit, alles in uns tritt zurück, es entsteht eine Stille, und das Neue, das niemand kennt, steht mitten darin und schweigt."

R.M. Rilke
Aus Anam Cara
John O'Donohue

An dem Tag, an dem
die Last auf deinen Schultern
unerträglich wird
und du strauchelst,
möge die Erde tanzen,
dir das Gleichgewicht wiederzugeben.

Und wenn deine Augen
hinterm grauen Fenster
zu Eis erstarren
und das Gespenst des Verlustes
sich in dich einschleicht,
möge ein Schwarm von Farben,
Tiefblau, Rot, Grün
und Azur, herbeikommen,
dich auf einer Au der Freude
aufzuwecken.

Wenn die Leinwand der currach *
Des Denkens spröde wird
Und ein Fleck Ozean
Schwarz unter dir wächst,
möge ein Pfad gelbem Mondlichts
sich über die Wellen legen
dich sicher ans Ufer zu führen.

Möge Nahrung der Erde dein sein,
möge Klarheit des Lichts dein sein,
möge das Wasser des Ozeans dein sein,
möge der Schutz der Ahnen dein sein.

Und möge ein sanfter
Wind diese Worte
Der Liebe um dich schmiegen, wie einen
Unsichtbaren Mantel,
der dein Leben behüten soll.

* irisches Fischerboot

Zum Advent

Eine Kerze für die Hoffnung
gegen Angst und Herzensnot,
wenn Verzagtsein uns`ren Glauben
heimlich zu erschüttern droht.

Eine Kerze, die noch bliebe,
als die wichtigste der Welt;
Eine Kerze für die Liebe,
weil nur diese wirklich zählt.

Rainer Maria Rilke


Friday, November 25, 2005

Was für ein Leuchten war da, welches Licht.
Für immer entschwunden nun meiner Sicht.
Denn nichts bringt zurück die Zeit,
das glänzende Gras,
der Blumen Herrlichkeit.
Wir trauern nicht,
sondern es treibt uns die Kraft
von dem was bleibt.

Worthworth
Ode auf Andeutungen der Unsterblichkeit

Lebendig ist, wer wach bleibt
Sich dem anderen schenkt
Das Bessere hingibt
Niemals rechnet
Lebendig ist, wer das Leben liebt
Seine Begräbnisse, seine Feste
Wer Märchen und Mythen
auf den ödesten Bergen findet

Lebendig ist, wer das Licht erwartet
in den Tagen des schweren Sturms
Wer die stillen Lieder
ohne Geschrei und Schüsse wählt
Sich dem Herbst hinwendet
und nicht aufhört zu lieben.

Luigo Nono

Ein Liebesbrief
Von allen Seiten drängt ein drohend Grau
Uns zu. Die Luft will uns vergehen.
Ich aber kann des Himmels Blau,
Kann alles Trübe sonnvergoldet sehen.
Weil ich dich liebe, dich, du frohe Frau!


Mag sein, dass alles böse sich
Vereinigt hat, uns breitzutreten.
Drei Rettungswege gibt`s: Zu beten,
Zu Sterben, und "Ich liebe dich!"


Und alle drei in gleicher Weise
Gewähren Ruhe, geben Mut
Es ist wie holdes Sterben, wenn wir leise
Beten: "Ich liebe dich, Sei gut!"

Joachim Ringelnatz


Wie furchtbar auch die Flamme war,
In der man einst zusammenbrannte,
Am Ende bleibt ein wenig Glut.
Auch uns geschieht das Altbekannte.

Das es nicht Asche ist, die letzte Spur von Feuer,
Zeigt unser Tagwerk. Und wie teuer
Die kleine Wärme ist, hab ich erfahren
In diesem schlimmsten Jahr
Von allen meinen Jahren.
Wenn wieder so ein Winter wird
Und auf mich so ein Schnee fällt,
Rettet nur diese Wärme mich
Vom Tod. Was hält
Mich sonst? Von unserer Liebe bleibt: das
Wir uns hatten. Kein Gras
Wird auf uns sein, kein Stein,
Solange diese Glut glimmt.

Solange Glut ist,
Kann auch Feuer sein ..

Eva Strittmatter

Der abgerissene Strick



Der abgerissene Strick
kann wieder geknotet werden
er hält wieder, aber
er ist zerrissen.

Vielleicht begegnen
wir uns wieder,
aber da,
wo du mich verlassen hast
triffst du mich
nicht wieder.


Bertolt Brecht
Wenn es so ist,
daß der Tag in die Nacht fällt,
dann muss es einen Brunnen geben,
der die Helle birgt.
Es bleibt,
sich an den Rand des dunklen Wassers zu setzen
und gefallenes Licht zu fischen
mit Geduld.

Pablo Neruda

Thursday, November 24, 2005

Die andern sind das weite Meer.
Du aber bist der Hafen.
So glaube mir: kannst ruhig schlafen,
Ich steure immer wieder her.

Denn all die Stürme, die mich trafen,
Sie ließen meine Segel leer.
Die Andern sind das bunte Meer,
Du aber bist der Hafen.

Du bist der Leuchtturm.
Letztes Ziel.
Kannst, Liebster,
ruhig schlafen.
Die Andern ...
das ist Wellenspiel,

Du aber bist der Hafen.

Mascha Kaléko

Stufen

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.

Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
in andre, neue Bindungen zu geben.

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf' um Stufe heben, weiten.

Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegensenden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden ...
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Hermann Hesse

Der Engel der Langsamkeit

Ein Engel hat immer für dich Zeit
das ist der Engel der Langsamkeit
der Hüter der Hühner, Beschützer der Schnecken,
hilft beim Verstehen und beim Entdecken,
schenkt die Geduld und die Achtsamkeit,
das warten können, das Lang und das Breit.

Er streichelt die Katzen bis sie schnurren
reiht Perlen zu Ketten ohne zu Murren
und wenn die Leute über dich lachen
und sagen, du musst doch schneller machen,
dann lächelt der Engel der Langsamkeit
und flüstert leise: Lass dir Zeit!
Die Schnellen kommen nicht schneller ans Ziel.
Lass den doch rennen, der rennen will.

Ein Engel hat immer für dich Zeit.
Das ist der Engel der Langsamkeit.
Der Hüter der Hühner, Beschützer der Schnecken
hilft beim Verstehen und beim Entdecken
schenkt die Geduld und die Achtsamkeit,
das Warten können, das Lang und das Breit.

Er sitzt in den Ästen von uralten Bäumen
und lehrt uns den Wolken nachzuträumen
erzählt vom Anbeginn der Zeit,
vom Sommer, vom Winter, von Ewigkeit.
Und sind wir müde und atemlos
nimmt er unseren Kopf in seinen Schoss.
Er wiegt uns, er redet von Muscheln und Sand,
vom Meeren von Möwen, vom ruhenden Land.

Ein Engel hat immer für dich Zeit,
das ist der Engel der Langsamkeit
der Hüter der Hühner, Beschützer der Schnecken
hilft beim Verstehen und beim Entdecken
schenkt die Geduld und die Achtsamkeit,
das Warten können, das Lang und das Breit.

Jutta Richter

Für meinen Sohn Christoph zum Geburtstag. Er weiß warum ;-)
Von guten Mächten

Von guten Mächten treu und still umgeben,
behütet und getröstet wunderbar.
So will ich diese Tage mit euch leben
und mit euch gehen in ein neues Jahr.

Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist mit uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiß an jedem neuen Tag.

Noch will das Alte unsere Herzen quälen,
noch drückt uns böser Tage schwere Last.
Ach, Herr, gib unseren aufgescheuchten Seelen
das Heil, für das du uns bereitet hast.

Und reichst du uns den schweren Kelch,
den bittren des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,
so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern
aus deiner guten und geliebten Hand.

Doch willst du uns noch einmal Freude schenken
an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz,
dann woll'n wir des Vergangenen gedenken
und dann gehört dir unser Leben ganz.

Laß warm und still die Kerzen heute flammen,
die du in unsere Dunkelheit gebracht.
Führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen.
Wir wissen es, dein Licht scheint in der Nacht.


Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet,
so laß uns hören jenen vollen Klang der Welt,
die unsichtbar sich um uns weitet,
all Deiner Kinder hohen Lobgesang.

Dietrich Bonhoeffer, 1944 (1906-1945)
in der Todeszelle in Flossenbürg gedichtet

Monday, November 21, 2005

Ein welkes Blatt

Ein welkes Blatt - und jedermann weiß: Herbst.
Fröstelnd klirren die Fenster zur Nacht.
O grüne Welt, wie grell du dich verfärbst!

Schon raschelt der Winter im Laube.
Und die Vögel haben, husch, sich aus dem Staube
gemacht.

Wie letzte Früchte fielen ihre Lieder vom Baum.
Nun haust der Wind in den Zweigen.

Die Alten im Park, sie neigen
das Haupt noch tiefer. Und auch die Liebenden
schweigen.

Bald sind alle Boote im Hafen.
Die Schwäne am Weiher schlafen
im Nebellicht.

Sommer - entflogener Traum!
Und Frühling - welch sagenhaft fernes Gerücht!

Ein welkes Blatt treibt still im weiten Raum,
und alle wissen: Herbst.

Mascha Kaléko