Wednesday, January 04, 2006

Das Heidelberger Schloß

den 28. Juli 1815 abends 7 Uhr

Euch grüß ich weite, lichtumfloßne Räume,

Dich alten reichbekränzten Fürstenbau,

Euch grüß ich hohe, dichtumlaubte Bäume,

Und über euch des Himmels tiefes Blau.

Wo hin den Blick das Auge forschend wendet

In diesem blütenreichen Friedensraum,

Wird mir ein leiser Liebesgruß gesendet

Aus meines Lebens freudevollstem Traum.

An der Terrasse hohem Berggeländer

War eine Zeit sein Kommen und sein Gehn,

Die Zeichen, treuer Neigung Unterpfänder,

Sie sucht ich, und ich kann sie nicht erspähn.

Dort jenes Baumsblatt, das aus fernem Osten

Dem westöstlichen Garten anvertraut,

Gibt mir geheimnisvollen Sinn zu kosten

Woran sich fromm die Liebende erbaut.

Durch jene Halle trat der hohe Norden

Bedrohlich unserm friedlichen Geschick;

Die rauhe Nähe kriegerischer Horden

Betrog uns um den flüchtgen Augenblick.

Dem kühlen Brunnen, wo die klare Quelle

Um grünbekränzte Marmorstufen rauscht,

Entquillt nicht leiser, rascher, Well auf Welle,

Als Blick um Blick, und Wort um Wort sich tauscht.

0! schließt euch nun ihr müden Augenlider.

Im Dämmerlichte jener schönen Zeit

Umtönen mich des Freundes hohe Lieder,

Zur Gegenwart wird die Vergangenheit.

Aus Sonnenstrahlen webt ihr Abendlüfte

Ein goldnes Netz um diesen Zauberort,

Berauscht mich, nehmt mich hin ihr Blumendüfte,

Gebannt durch eure Macht kann ich nicht fort.

Schließt euch um mich ihr unsichtbaren Schranken

Im Zauberkreis der magisch mich umgibt,

Versenkt euch willig Sinne und Gedanken,

Hier war ich glücklich, hebend und geliebt.

Marianne von Willemer, geb. Jung

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